Sich fortbewegen. Zu Fuß. Viele Menschen haben das Spazierengehen während der Corona-Pandemie für sich (wieder)entdeckt. Dabei ist rund um das Wandern, Spazieren, Flanieren, Lustwandeln, Prominieren, Gehen schon so viel gedacht und geschrieben worden, dass Rita eigentlich das Gefühl hat, nicht annähernd entsprechend vorbereitet zu sein. Einfach, weil es dazu so viel zu lesen und zu erfahren gäbe. Nora hingegen hat sich bislang recht wenig Gedanken über das gemacht, was im 16. Jahrhundert als „zweckfreie Fußwanderung“ bezeichnet wurde. Und so werden die gemeinsamen Gedankengänge in dieser Folge zu einer kleinen Entdeckungsreise durch die Geschichte. Denn: Denker:innen sind schon immer und gerne auch gemeinsam zu Fuß gegangen, um ihre Gedanken zu bewegen und auszutauschen.
Auch dieses Gespräch ist ein Austausch. Es ist ein bisschen so als würde man bei einer Wanderung hier und da mal unter einen Stein schauen und sich über das freuen, was es da so zu entdecken gibt. Das hier ist eine herzliche Einladung an alle, mit uns ein bisschen die Gedanken wandern zu lassen – und vielleicht begleiten wir euch ja tatsächlich auf einem Spaziergang!

Mit Situationen, in denen wir uns ausgeliefert fühlen, kommen viele Menschen nicht gut zurecht. Und es sind auch verdammt schwierige Situationen. Oft mit so komplexen Zusammenhängen, dass einem beim Verfolgen der einzelnen Parameter das Hirn zu verknoten droht. Genau das sind Situationen, in denen wir nach Erklärungen suchen. Oder sogar nach dem oder der Schuldigen. Irgendwer muss doch das Ganze unter Kontrolle haben. Wenn wir nur lange genug suchen, dann finden wir die Zusammenhänge. Die unsichtbare Macht, die hinter allem steckt und uns nach dem Leben trachtet. Aber warum ist das so? Warum suchen wir nach einer irgendwie gearteten höheren Macht? Und warum sind einige Menschen so anfällig dafür, eher an Verschwörungstheorien zu glauben als daran, dass eine Situation – wie zum Beispiel die Corona-Pandemie gerade – außerhalb unserer Kontrolle, also unserer Macht liegt? Warum ist es so schwer anzuerkennen, dass wir uns gerade in einem Zustand befinden, in dem wir nicht so viel Wissen – und nur ganz vage Aussagen über die Entwicklungen treffen können?

Es sind alles andere als langweilige Zeiten. Es sind fordernde Zeiten. Und trotzdem finden sich im Internet unzählige Tipps für Menschen, die jetzt gegen Langeweile kämpfen. Aber ist das wirklich das richtige Wort für den Zustand, den diese Menschen erleben? Ist die eigentliche Ursache nicht eine andere, nämlich soziale Isolation zum Beispiel? Klar, einigen wird die Zeit wirklich lang. Sie schwimmen in einem Meer von Zeit. Auch, weil sie ihrer Arbeit während der Corona-Pandemie nicht mehr nachgehen können. Aber selbst dann scheint der Begriff Langeweile zu banal. Und für viele Menschen ist auch zutreffend, dass ihnen gar nicht langweilig ist, wenn sie gerade keiner Erwerbsarbeit nachgehen. Denn auch ohne kann ein Leben angefüllt sein mit Aufgaben, sei es in der Familie, im Freundeskreis oder aber auch mit anderen Beschäftigungen, denen wir gerne nachgehen, ohne damit Geld zu verdienen. In dieser Episode diskutieren Rita und Nora das Phänomen Langeweile im Bezug zur Arbeit und ihrem Stellenwert in der Gesellschaft.

Es gibt zwei Formen von Authentizität, sagt Rita Molzberger. Erstens da, wo uns jemand sein ganzes Leben vor die Füße kotzt und jeden Augenblick des eigenen Lebens mit uns teilt und zweitens, Authentizität zum Zweck der Ökonomisierung des Subjekts. Und tatsächlich begegnet uns der Begriff Authentizität gar nicht so selten in medialen Zusammenhängen. Oder da, wo uns etwas verkauft werden soll. Aber was meinen wir eigentlich wirklich, wenn wir authentisch sagen? Benutzen wir den Begriff überhaupt richtig? Und wo grenzt sich Authentizität zum Beispiel zu Begriffen ab wie Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Wollen wir eigentlich, dass Menschen immer authentisch sind? Also auch, wenn es um ihre schlechten und nicht so liebenswerten Eigenschaften geht? Und wie reagieren wir, wenn sich ein Mensch verändert und wandelt. Sagen wir vom Fitness-Junkie zur Nachhaltigkeitsaktivistin. Passen Authentizität und Wandel überhaupt zusammen?

Mit dieser Situation haben wohl die wenigsten von uns gerechnet: Ein neuartiges Virus legt gerade unser Leben lahm. Zumindest das, was wir bislang gewohnt waren. Mit weitreichenden Folgen, die wir zu großen Teilen noch nicht absehen können. Wir – und das schließt Rita und Nora mit ein – befinden uns hier in Deutschland gerade erst am Anfang. Und deshalb können wir noch gar nicht so richtig viel sagen zu dem, was passiert. Trotzdem wollen wir uns die Zeit nehmen, zumindest das mal zu reflektieren, was wir zur Zeit beobachten können. Und gemeinsam mit- und nachdenken über das, was gerade passiert. Was diese Corona-Pandemie mit uns macht – im Kleinen wie im Großen. Und wie wir gerade auch Gesellschaft neu verhandeln.

Immer wieder geht es in Diskussionen um die Spaltung der Gesellschaft. Besonders präsent war da Anfang des Jahres die angebliche Spaltung der Generationen. Aber auch sonst wird gerne und oft von bestimmten Spaltungen gesprochen. Am Beispiel des Generationenkonfliktes – den es ohnehin schon immer gab – suchen wir nach diesen Spaltungen. Wo verlaufen diese Grenzen? Wer setzt die? Und: Warum? Und natürlich kommt auch die Frage auf, ob das überhaupt so schlimm ist alles? Denn eine Gesellschaft ist nunmal eine Ansammlung von Menschen, die eben nicht gleich sind. Die sich aber darauf geeinigt haben, im Grundsatz das Gleiche zu wollen. Das es neben diesen Grundsätzen auch Uneinigkeit gibt, gesellschaftliche Lücken und Brüche, das weist uns darauf hin, wie gut es uns gelingt, diese Grundsätze zu mit Leben zu füllen. Statt sie mit Angst zu betrachten, wäre es hilfreich, sie zunächst anzuerkennen. Und dann gäbe es ja auch die Möglichkeit, Brücken zu bauen. Was dafür nötig ist und warum sich Nora demnächst vielleicht einen grünen Punkt und eine gelbe Tonnen tättowieren lässt … darum geht’s in dieser Folge.

Wer oder was sind eigentlich Intellektuelle? Was ist ihre Aufgabe in unserer Gesellschaft? Und, was hat das Ganze mit Anstand zu tun? Während Nora sich fragt, ob man die beiden Themen überhaupt zusammenrühren kann, ist Rita sicher: Die gehen gar nicht ohne einander. Und schon geht sie los, die lustige und manchmal auch schmerzhafte Reise ins Reich der Intellektualität. Angefangen mit der Dreyfus-Affäre in Frankreich 1894 bis hin zu den Denkerinnen und Denkern der Gegenwart – und dem Tabubruch von Thüringen. Denn eins ist auch klar: Das Intellektuelle lässt sich auch vom Politischen nicht trennen.

Randbemerkungen sind bei Nora immer gefährlich“, sagt Rita zu Beginn dieser Podcastfolge. Und ja, da könnte sie Recht haben. Denn dass wir mit der Pastorin Gesche Schaar über Sünde und Gnade sprechen, haben wir einer Randbemerkung zu verdanken. Denn eigentlich wollte Gesche Schaar vor allem nach einem Hörerinnen-Treffen fragen. Ganz am Rande hat sie dabei angemerkt, dass ihr unser katholisches Verständnis von Sünde mal aufgefallen ist. Und – zack – sitzt sie bei uns im Podcast-Wohnzimmer. Und wir sprechen darüber, was wir eigentlich heute noch als Sünde bezeichnen, wie schwierig es ist ein Gefühl wie Schuld auszuhalten, und dass auch das Geschenk der Gnade gar nicht so leicht zu akzeptieren ist. Dabei ist das hier ausdrücklich eine sehr ökumenische Podcastepisode, die auch für alle geeignet ist, die es mit Religion nicht so haben. Wie Nora zum Beispiel.
In Lublin lebte ein großer Sünder. Sooft er mit dem Rabbi zu sprechen begehrte, war der ihm zu Willen und unterredete sich mit ihm wie mit einem vertrauten und erprobten Mann. Viele Chassidim ärgerten sich daran, und einer sagte zum andern: »Wie kann es sein, daß der Rabbi, der jedem zum erstenmal Erblickten sein Leben bis zu diesem Tag, ja die Herkunft seiner Seele von der Stirn abliest, nicht sehen sollte, daß dieser ein Sünder ist? Und wenn er es sieht, wie kann es sein, daß er ihn des Verkehrs und des Gesprächs würdigt?« Endlich faßten sie sich den Mut, vor den Rabbi zu treten und ihn zu fragen. Er antwortete ihnen: »Wohl weiß ich davon wie ihr. Aber es ist euch ja bekannt, wie sehr ich die Freude liebe und die Schwermut hasse. Und dieser Mann ist ein so großer Sünder – andere bereuen doch im Augenblick, nachdem sie gesündigt haben, grämen sich einen Augenblick lang und kehren dann erst zu ihrer Torheit zurück, er aber kennt keinen Gram und kein verdrießliches Besinnen, sondern wohnt in seiner Freude wie in einem Turm. Und der Glanz seiner Freude überwältigt mein Herz.
Aus Martin Buber: Die Erzählungen der Chassidim

Es gibt Dinge, an deren finaler Erklärung wir scheitern. Liebe zum Beispiel. Oder Tod. Und auch das abgrundtief Böse und Monströse gehören dazu. Das sind die Dinge, die wir letzten Endes nicht begreifen können. Oder wie Rita es sagt: Nicht verdauen. Und trotzdem lohnt sich der Versuch, sich diesen Dingen zu nähern. Sie zu betrachten und anzuschauen. Der Anlass für dieses Gespräch ist hoch aktuell. Denn das Attentat in Halle am 09. Oktober 2019 war für viele Menschen eine Zäsur. Da hat sich ein Abgrund aufgetan. Und in den wollen wir blicken. Vorsichtig. Und da unser Gespräch am 31. Oktober stattfand – für die einen der Reformationstag, für andere einfach Halloween – fanden wir, das sei ein guter Tag, um die Brücke zu schlagen zwischen dem Bösen, dem Monströsen – aber eben auch der Banalität, die dem Bösen bisweilen zugrunde liegt und die dennoch monströse Ausmaße annehmen kann. Gast in dieser Folge ist der Philosoph Dr. Matthias Burchardt von der Universität in Köln.
mit Ergänzungen von Matthias Burchardt:

„Creato ex nihilo gibt es nicht“, aus Nichts kann nichts enstehen, erklärt Rita. Und schon sind wir mittendrin in einer Diskussion über Improvisation und Kreativität. Braucht es das Genie, um wirklich Neues in die Welt zu bringen? Oder können das im Prinzip alle Menschen? Und was, wenn Improvisation nicht gelingt. Wenn es nicht gelingt aus den Zitronen, die einem das Leben gibt Limonade zu machen. Wenn es einfach sauer bleibt und ätzend? Nur weil der Mensch fähig ist zu improvisieren, kann es nicht zwingend auch ein Sollen geben. Muss auch das Scheitern weiter erlaubt sein.